Selbst sein und das ständig? Selbständigkeit, was bedeutet das eigentlich?

Ich habe mir im Rahmen meiner kleinen Sommerpause bewusst Zeit genommen, um zu sehen, wo ich in meinem Leben stehe, was ich mir wünsche und welche Anliegen mir beruflich besonders wichtig sind. Und ich habe mir viele Gedanken über die Selbständigkeit gemacht. So viel darf ich gleich mal verraten: Es wird einige Neuigkeiten geben, über die ich bald berichten werde.

Ich werde von nun an häufiger schreiben, denn die Liebe zum Schreiben ist auch ein wesentlicher Teil von mir. Ich werde vor allem Beiträge über Kräuter und Duftpflanzen verfassen, aber auch über andere Themen berichten, die mich bewegen. Es entsteht hier also auch ein Raum der Reflexion, ein Gedankenraum, ein Raum meiner inneren Stimme, ein Schreibraum.

Ich möchte heute über die Selbständigkeit schreiben. Das möchte ich schon sehr lange tun. Ich möchte gerne dazu ermutigen, auf die eigene Intuition zu hören und sich ganz bewusst immer wieder Zeit zu nehmen, um all den Wünschen Beachtung zu schenken, die da sind. Ich möchte auch davon erzählen, was es für mich bedeutet selbständig zu sein.

Vor einigen Jahren habe ich begonnen mich mit Naturkosmetik auseinanderzusetzen und im Zuge dessen recherchiert welche Produkte ich meiner Haut zumute. Diese Recherchen waren sehr augenöffnend, denn viele der sogenannten „Pflege“-Produkte erwiesen sich bei genauer Betrachtung sogar als potentiell gesundheitsgefährdend. Ich habe mich immer mehr mit dieser Materie befasst und meine Leidenschaft für das Rühren von Cremen und Salben entdeckt – eine wunderbare, duftende Angelegenheit. Wenn Bienenwachs schmilzt, Rosenwasser sanft erwärmt wird, ätherische Öle ins Spiel kommen und der ganze Raum sich mit Duft füllt, entsteht eine fast meditative Stimmung und eine satte, tiefe Zufriedenheit breitet sich in mir aus. Diese Zufriedenheit, die ich damals zum ersten Mal gespürt habe, kommt von innen und ich habe von diesem Zeitpunkt an gewusst, dass ich die Arbeit mit Kräutern, duftenden Ölen und Räucherwerk zu meinem Beruf machen möchte.

Ich verspüre eine innige Freude, wenn ich in direktem Kontakt mit Kräutern und Duftpflanzen stehe, mich intuitiv annähere, meine Hände nach getaner Gartenarbeit voller Erde sind. Die Freude ist ebenfalls spürbar, wenn ich mich wissenschaftlich mit den Wirkungen und Anwendungsmöglichkeiten von Heilpflanzen auseinandersetze. Diese von innen kommende Freude, diese Dankbarkeit, empfinde ich besonders, wenn ich mit meinen KlientInnen arbeiten darf, wenn die vielen verschiedenen Düfte in meiner Praxis den Raum zum Strahlen bringen und duftende Unterstützung bieten. Diese Freude ist da, wenn ich die Möglichkeit habe Vorträge zu halten oder Workshops zu gestalten. Kräuter und Düfte begleiten mein Leben und bringen diese satte, wohlige innere Wärme, für die ich unendlich dankbar bin. Ich habe gefunden, was wirklich zu mir gehört und das ist ein wahres Geschenk.

Dennoch stehe ich immer wieder vor großen Herausforderungen. Die Selbständigkeit ist herausfordernd. Sie bringt sehr viel Freiheit, denn ich habe das große Glück mir meine Zeit in einem hohen Maß selbst einteilen zu können. Ich habe das Glück, mein Angebot so zu gestalten, wie es mir entspricht. Ich habe das Glück, meinen Tag so zu strukturieren, wie ich es möchte. Und genau in dieser Freiheit liegt auch eine Herausforderung. Denn selbständig zu sein bedeutet eben auch, sich immer wieder selbst zu motivieren. Es bedeutet, seine eigene Struktur zu finden. Es bedeutet, manchmal tagelang wenig zu tun zu haben, dann wieder wochenlang Abendschichten einzulegen und das Wochenende mit neuen beruflichen Vorhaben auszufüllen. Es bedeutet mit viel Unsicherheit zu leben, auch wenn im Vorfeld genau geplant wird.

Es bedeutet vor allem am Anfang der Selbständigkeit nicht zu wissen, wie sich die nächsten Wochen und Monate finanziell gestalten und ob die laufenden Kosten abgedeckt werden können. Wenn Selbständige in den Urlaub fahren, haben sie im Normalfall auch kein fixes Einkommen. So verhält es sich auch im Falle eines Krankenstandes. Dennoch braucht es immer wieder Pausen, bewusste Ruhephasen, Mut zum Müßiggang.

Selbständig zu sein bedeutet vor allem sich und die eigenen Aufgaben immer wieder zu hinterfragen. Es bedeutet andauernde Selbstreflexion. Es bedeutet Pläne zu schmieden und diese auch wieder zu verändern. Es bedeutet sich auch einzugestehen, wenn Dinge nicht funktionieren und neue Wege zu finden. Es bedeutet Ehrlichkeit, vor allem sich selbst gegenüber. Es bedeutet aber auch, von anderen hinterfragt zu werden. Es bedeutet manchmal auch, sich für einen Weg zu entscheiden, der möglicherweise bei der eigenen Familie oder im weiteren Freundeskreis nicht auf großen Anklang und regen Zuspruch stößt. Es bedeutet viel Aufklärungsarbeit zu leisten, immer wieder zu erklären, was man macht und immer wieder einmal auf Unverständnis zu treffen.

Es bedeutet sich dennoch nicht beirren zu lassen und offen zu bleiben für alles, was das Leben eben bereithält – offen zu sein für Veränderungen, Höhen und Tiefen anzunehmen und ständig zu lernen. Es bedeutet, den eigenen Wissensdurst zu stillen, Fortbildungen zu besuchen und über neue Forschungsergebnisse informiert zu sein, um KlientInnen bestmöglich beraten zu können. Es bedeutet viel hineinzugeben und manchmal erst viel später etwas zurückzubekommen. Es bedeutet Geduld zu haben.

Und es bedeutet wirklich zu dem zu stehen, was man ist. Es bedeutet, sich selbst immer wieder neu zu entdecken und immer wieder den Mut zu haben weiterzumachen. Es ist eine bewusste Entscheidung und geht vielfach auch einher mit einer klaren Vision, mit einem Beruf, der auch Berufung ist. Es ist die bewusste Entscheidung, gute und schlechte Tage anzunehmen und auch nach entmutigenden Phasen wieder Kraft und Zuversicht zu schöpfen.

Der Weg in die Selbständigkeit ist herausfordernd. Wenn man beginnt der eigenen Stimme den nötigen Raum zu geben, dann ist das meist auch mit einigen „Konsequenzen“ verbunden: das Leben wird zunächst auf den Kopf gestellt, Altgewohntes wird hinterfragt, neue Sichtweisen werden entdeckt und dann beginnt sich alles zu verändern. „feinfühlen“ bedeutet vor allem ein Feingefühl für sich selbst, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu entwickeln, anzuerkennen was ist und alle Gefühle, die da sind, anzunehmen.

Literaturempfehlungen

Diese Bücher eröffnen neue Perspektiven, sind inspirierend und wohltuend.

Faltin, Günter (2016): Kopf schlägt Kapital. Die ganz andere Art, ein Unternehmen zu gründen. Von der Lust, ein Entrepreneur zu sein. München: dtv.

Giesselmann, Angela (2015): Sich selbst ein Zuhause sein. Der inneren Stimme Raum geben. Volkach: Verlag der Ideen.

Kast, Verena (2014): Seele braucht Zeit. Freiburg im Breisgau: Herder.